Die Geschichte von Somatic Experiencing (SE)®

Eine unerwartete Entdeckung

Es war 1969, im Jahr der Mondlandung. Der Biophysiker und Psychologe Dr. Peter A. Levine beschäftigte sich gerade mit der Frage, warum wild lebende Tiere, die regelmäßig lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt sind, nicht traumatisiert werden. Psychosomatik war damals noch ein neues Gebiet und relativ wenig erforscht.
Da machte er in seiner Praxis mit Nancy, einer Klientin mit schweren Phobien und Panikattacken, eine unerwartete Entdeckung.

Der Tiger als Symbol

Als diverse Entspannungsmethoden seiner Klientin nicht halfen und ihren Zustand sogar noch verschlimmerten, folgte Dr. Levine einer Eingebung. Er forderte Nancy auf, vor einem imaginären Tiger davonzulaufen. Zu seiner Überraschung fingen daraufhin ihre Beine an, zittrig auf der Stelle zu laufen. Schließlich wurde sie von heftigem Zucken und Schütteln erfasst. „Das Bild des Tigers hatte den instinktiv reagierenden Teil von ihr wieder geweckt“, erklärt Dr. Peter A. Levine.
Dann erinnerte sie sich plötzlich an eine traumatische Situation aus ihrer Kindheit, eine Mandeloperation, bei der sie mit Äther betäubt worden war. Sie hatte das Gefühl gehabt zu ersticken. Nach diesem erschreckenden Erlebnis verlor sie ihre natürliche Lebendigkeit und verfiel in eine resignative Haltung. Jahre später entwickelte sie die schwere Angstsymptomatik.
Durch die instinktiven Laufbewegungen konnte sich Nancys Nervensystem von der überschüssigen Energie befreien, die es seit der Operation zurückgehalten hatte. Seitdem ist der Tiger in Somatic Experiencing (SE)® ein Symbol für die bei einem Trauma unterdrückte Lebenskraft, die sich durch heilsame Impulse wieder ihren Weg zurück bahnen kann.

Ein Durchbruch in der Geschichte der Traumaverarbeitung

Diese Sitzung war ein Durchbruch für die Klientin. Endlich fühlte sie sich wieder lebendig. Sie verlor ihre Ängste und führte ein aktives Leben.
Die Sitzung mit Nancy war auch ein Durchbruch für Dr. Peter A. Levine. Er gewann dadurch neue Einblicke in die Entstehung und Transformation von traumatischen Erlebnissen. Es war offensichtlich: Auch wir Menschen verfügen über die angeborene Fähigkeit, Trauma zu verarbeiten.

Dr. Levine forschte weiter über die Biologie des Traumas und entwickelte seinen körperorientierten Ansatz zur Traumalösung Somatic Experiencing (SE)®. Im Laufe weiterer Forschungen verfeinerte er seine Arbeit immer mehr. SE wurde in der Anwendung differenzierter – sanft und kraftvoll zugleich.
Er gründete die Foundation for Human Enrichment in Lyons, Colorado, USA, jetzt Somatic Experiencing Trauma Institute (SETI). Seit den 90er Jahren unterrichten er und ein von ihm akkreditiertes Trainerteam weltweit Somatic Experiencing (SE)®.

Traumata sind das Resultat der stärksten Kräfte, die der menschliche Körper aufzubieten vermag.Dr. Peter A. Levine

Ich bin überzeugt davon, dass Trauma heilbar ist und dass der Heilungsprozess ein Katalysator für tief greifendes Erwachen sein kann – ein Türöffner für emotionale und echte spirituelle Transformation.Dr. Peter A. Levine

Somatic Experiencing (SE)® entwickelt sich weiter

Somatic Experiencing (SE)® ist eine lebendige Methode, die sich ständig weiterentwickelt und dabei immer feiner und differenzierter wird. Ursprünglich wurde SE zur Verarbeitung von Schocktrauma entwickelt. Inzwischen umfasst SE die Arbeit mit emotionalem Trauma, frühem Bindungs- und Entwicklungstrauma, vorgeburtlichem Trauma, transgenerationalem und sozialem Trauma.

Noch immer aktiv als Lehrender und Autor präsentiert Dr. Levine in seinen Fortbildungen und Büchern immer neue Themen aus Sicht von SE:
Sexuelles Trauma, Sexuelle Heilung: Die heilige Wunde transformieren; Körperlesen: Archetypen und Entwicklungstrauma; Depression, Aggression, Triumph und Atem – Arbeit mit früher Depression; Trauma, Emotion und Gedächtnis; Scham und Stolz; Durch das Nadelöhr gehen – Arbeit mit Nahtoderlebnissen, Anästhesie etc.

Dr. Peter A. Levine – ein lebenslang Lernender

Möglich ist diese Entwicklung durch Dr. Levines außergewöhnliche Offenheit für unterschiedliche Denkmodelle in Kombination mit seiner Erfahrungsorientierung vor seinem körpertherapeutischen Hintergrund. SE steht auch für die Integration von neuesten Forschungsergebnissen, z.B. aus den Neurowissenschaften. Dr. Peter A. Levine ist ein beeindruckendes Vorbild für lebenslanges Lernen.

Somatic Experiencing (SE)® wurde und wird durch die Vernetzung mit verwandten wissenschaftlichen Disziplinen bereichert. So ist Stephen Porges‘ Polyvagale Theorie, das Wissen um die Differenzierung des Vagusnervs, aus SE nicht mehr wegzudenken und ermöglicht ein hochpräzises Vorgehen.

In den letzten Jahren integrierte Dr. Peter A. Levine zunehmend Hilfsmittel wie ein weiches Trampolin, das durch sanftes Schwingen innere Bewegungsimpulse in Gang setzt und dadurch traumabedingte Erstarrung löst.

Immer weitere Anwendungsgebiete

SE als Haltung mit seinem klaren Fokus auf das Nervensystem findet in immer weiteren Bereichen Anwendung. In der Paarberatung und Mediation z.B. wirkt SE aufklärend und verändernd. Die Beteiligten lernen belastende Beziehungsmuster als neuronale Muster zu sehen, die durch frühe traumatische Bindungserfahrungen eingefroren sind und nach Auflösung verlangen.

SE Anwender*innen stehen auch in Krisengebieten Betroffenen zur Seite, z.B. nach dem Tsunami, anderen Naturkatastrophen und kriegerischen Konflikten in vielen Ländern.

Trauma und Spiritualität

Bereits alte mystische Schriften erwähnen Trauma als ein Tor zur Spiritualität. In SE wird die enge Beziehung zwischen Trauma und einer verkörperten Spiritualität erlebbar – als posttraumatisches Wachstum. Die größere Präsenz, die durch die Arbeit mit Somatic Experiencing (SE)® entsteht, bringt mit spirituellen Erfahrungen in Berührung.